Zitty Berlin Rainer Schrade Zeitungsbericht 1986

Wer formt hier was und wen: der Bläser das Glas oder doch umgekehrt ?

Ein Glasbläser bei der Arbeit ist -wie der Busfahrer während der Fahrt- auf keinen Fall anzusprechen. Das flammenspeiende Ungeheuer, der Glasbrenner, hinter dem der Glasbläser Rainer Schrade mit dunkler Glasbläserbrille hockt, lässt keine Kaffeepause zu. Innerhalb von Sekunden wird aus der festen Glasröhre eine amorphe und zähflüssige Masse, die gedreht, gedrückt und von einer Seite eingestochen wird. Das Gas-Luft-Sauerstoffgemisch wird zur bläulichen Flamme und der Glasbläser reguliert die Intensität dabei wie eine Näherin über das Fußpedal. Vor dem Glasbläser liegen kleine Farbglasgranulate, in die er das weiche Klümpchen einbrennt nachdem sie darauf gedrückt wurden. Nach nochmaligem Schmelzen entstehen so erstaunlich genau geplante Ornamente auf den fertigen Objekten.

Zeitungsbericht Glasblasen Rainer Schrade

Berliner Tageszeitung berichtet über Glaskünstler Schrade

Die Röhren -also der Grundkörper- kommen aus einem Hüttenwerk der „Glasstadt“ Wertheim am Main, wo noch Glas aus dem Schmelztiegel geholt wird und auch noch „Vor der Lampe geblasen“ wird, wie es noch aus dem vorindustriellem Deutsch stammend gesagt wird. Neben Produktionsstellen für  Flachglas , Optikerbedarf sowie Thermometer, befindet sich in Wertheim auch das größte Glaskunstgewerbe-Museum Deutschlands.

Aus Wertheim stammen nicht nur einige der Künstler die Rainer Schrade in der Galerie Glaswerk neben dem Verkauf seiner eigenen Werke ausstellt, sondern auch es ist auch die Heimatstadt von Schrade selbst.

Filigrane,  gar zerbrechlich wirkende Sherry-Gläser mit formschönen Jugendstil Ornamenten, sowie Vasen, die an alte Kelche aus der Römerzeit oder chinesische Aquarelle erinnern, Bleiverglasungen als Spiegelfassungen in Form eines Hahnenkamms, Broschen, Ketten, Ohrringe, Flakons, sowie kugelrunde Briefbeschwerer mit geheimnisvollem Innenleben aus Goldelementen und reflektierenden Splitterornamenten, die wie eine Erz Struktur aussehen. Neben diesen funktionalen Unikate der Glas“Plastik“ werden auch Glasschmuck und  Kunstobjekte aus Glas gezeigt : Eine Gottesanbeterin zerbeißt z.B. ein hohes Glas, mit dem darunter stehenden Titel : Wirtschaftswunder, oder ein Näher aus Glas versucht sich am Flicken einer zerbrochenen Vase, oder ein langes Sektglas sinkt in der Mitte wie in größter Erschlaffung ein.

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