Glas lebt im Licht – Zeitungsbericht der Berliner Morgenpost 1989

Erst Licht macht das Glas lebendig – 1989

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Tagesspiegel Artikel zur Goldrubin Ausstellung in der Galerie Glaswerk, Berlin. Kantstraße 138


In Berlin wurde das Goldrubinglas erfunden. Arbeiten dieser Tradition werden in einer Ausstellung von zwölf Künstlern vorgestellt. Auf der „Pfaueninsel“, damals „Kaninenwerder“, erfand Johann Kunckel vor 300 Jahren eine Methode, die dem Gebrauchswerkstoff Glas eine ganz besondere Magie verlieh. Bis heute wird man durch diese beim Anblick von „Rubinglas“ verzaubert.
Die „Galerie Glaswerk“ in der Kantstraße hat es sich zur gefährlichen, aber, wie bald klar sein sollte, lohnenden Aufgabe gemacht, diese weltberühmte, verschüttete und beinahe in Vergessenheit geratene Tradition und Technik vorzustellen, die die Berliner Heimatmuseen -eigentlich immer um Lokalpatriotismus verdient- einfach übersehen haben.

Seit dem späten Mittelalter ist die Technik des Glasrotfärbens bekannt. Obwohl auch im Mittelalter schon das Goldglas zur künstlichen Herstellung von Rubinen diente, benutzte man Kupferoxid dafür. Dennoch ist nicht zu vergessen, dass erst Johann Kunckel Ende des 17. Jahrhunderts den heute so beliebten Streueffekt der klassischen Goldrubingläser durch die Entwicklung seiner bestimmten Technik möglich machte. Ihm wurde vom Großen Kurfürsten, für den Kunckel in diesen Jahren arbeitete, die Pfaueninsel als eigene Forschungs- und Produktionsstätte zur Verfügung gestellt. Unter Friedrich III., Sohn und somit Nachfolger des Kurfürsten, viel er einige Zeit später in Ungnade und ging auf Wunsch des schwedischen Königs nach Schweden. Dort wurde er zum Bergrat ernannt und sogar geadelt. Er ging allerdings wieder nach Deutschland zurück wo er bei Niederbarnim ein Rittergut im Tausch gegen die Pfaueninsel erhielt. Dort starb er 1703. Nicht weit von seiner ehemaligen Experimentierhütte, die erst vor ein wenigen Jahren durch Ausgrabungen gefunden wurde, erinnert ein Findling mit Inschrift an sein Schaffen auf der Pfaueninsel.
Es ist schon ein kleines Kunststück, dass die „Galerie Glaswerk“ zwölf international bekannte Glaskünstler aus ganz Deutschland für die Ausstellung zusammenführen konnte. Durch die Vielfalt der Ausstellungsstücke ist nun auch bewiesen, dass die Möglichkeiten des Rubinglases noch nicht ihre Grenzen erreicht haben. Es gibt nur sehr wenige Arbeiten aus Gold. Um dem Effekt von Goldrubinglas besonders nahe zu kommen wurden sehr perfektionierte chemische Prozesse entwickelt.
Anders als Porzellan hat Glas eine ihm sehr eigene Faszination. Glasgewordenen Poesie wurden die Produkte von Gallé von Baudelaire bezeichnet. Ebenso wie Glas kann Porzellan elegant, wuchtig, fein oder verspielt sein.
Glas kann allerding zusätzlich noch mit dem Licht spielen, besonders wenn die Ornamente eingearbeitet sind und nicht bloß aufgetragen. Man kann nie genau sagen, wie das Produkt am Ende genau aussieht, da Textur, Opazität und Farbe immer ein Experiment darstellen. Man muss nur einmal eine Vase oder einen Lampenschirm aus opakem Glas im fahlen Abendlicht durch die letzten Sonnenstrahlen irisieren sehen, das Glas scheint von innen zu leuchten und zu erstrahlen, um sich gegen diesen Zauber nie mehr wehren zu können. Es sieht so aus als ob das Licht die Formen gestaltet und erst erfindet und so selbst der Künstler ist. Die Schönheit von Glas kommt erst durch das Licht zur Geltung, Porzellan dagegen ist nur bloße Form.
Wer will schon auf Billigangebote zurückgreifen, wenn er einmal eine dieser Schalen, Kelche oder Champagnergläser in der Hand hatte? Keiner unserer Sinne genießt unabhängig von den anderen, Trinken und Essen sind also syn-ästhetische Erfahrungen. Berlin hat etwas zur Sinneskultur beizutragen.
Wer diese Sinneskultur mal zum Greifen nah haben möchte, kommt am besten in die „Galerie Glaswerk“ in der Kantstraße 138 in Berlin.



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