Der Kantstraße droht der Exitus: Charlottenburg aktuell 1991

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Artikel im "Charlottenburg Aktuell"

Kantstraße droht der Exitus

Die Charlottenburger Kantstraße wurde vor noch nicht allzulanger Zeit hauptsächlich von polnischen Landsleuten bevölkert.
Ihr Fokus lag hauptsächlich auf den vielen Im- und Exportgeschäften, in denen man Massenware wie Radio- und Videorekorder und Fernseher zu sehr guten Konditionen kaufen konnte. Durch die Einführung der Visumspflicht sollte sich die Situation entschärfen, dem war jedoch nicht so.
Es wurden immer mehr Im- und Exportgeschäfte in der Kantstraße geöffnet. Dem Bezirksamt zufolge seien es inzwischen rund 45. Die meisten werden als offene Zolllager betrieben. Der Boom hat jedoch neben den hohen Umsätzen auch seine Nachteile.
Die Gewerbemieten haben sich in letzter Zeit verdreifacht. Nun kann der Quadratmeter bis zu 180 DM kosten. Darunter leiden vor allem die Geschäfte in der Kantstraße, die bei diesem Preispoker nicht mithalten können. Helmut Heinrich, Wirtschaftsstadtrat in Berlin, zeigt sich besorgt. Es gehe selbst Apotheken die Luft aus und es bestehe die Gefahr, dass auch die letzten alteingesessene Geschäftsleute dicht machen müssen. Dann wäre es Heinrich zufolge jedoch zu spät.
Weiter sagte er in einem Interview mit CITYBLATT, dass seiner Meinung nach, diese Art von Läden in einem gemischten Wohn- und Gewerbegebiet nichts verloren hätten. Einem Bericht des Rechtsamtes zufolge könne jeder Bezirk auf Grundlage des Baurechts die Exportgeschäfte verbieten. Gebrauch hat Baustadtrat Claus Dyckhoff (SPD) von diesem Recht bisher noch nicht gemacht. Dies hat Anwohner und Geschäftsinhaber rund um die Kantstraße verärgert. Dennoch haben die Proteste der bezirklichen CDU, der Anwohner, sowie des Wirtschaftsstadtrates einiges bewirkt: Einem Betreiber ist es wegen der „Nutzungsänderung“ untersagt worden, sein Im- und Exportgeschäft weiter zu betreiben. Gegen das Verbot kann er natürlich Einspruch einlegen.
Wie Juristen und Politiker in dieser speziellen Frage entscheiden, wird die zukünftige Struktur der Kantstraße signifikant beeinflussen. Nach Stadtrat Heinrich dürfe die Kantstraße nicht zu einem Großhandelsumschlagplatz für elektrische Geräte verkommen. Die bunte Vielfalt, die den Charakter der Straße ausmache, müsse unbedingt erhalten bleiben.

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